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Gefühlsmarathon

Von Bryony Gordon. Autorin

 

’Ich heiße Bryony und vor 18 Monaten wog ich über 100 Kilo und konnte nicht mal zum Bus rennen. Letzten Monat lief ich meinen zweiten Marathon innerhalb eines Jahres. Ich lief in Unterwäsche, weil ich wollte, dass Menschen wie ich – Menschen, die glauben, nicht wie Läufer auszusehen – sehen, dass jeder mit zwei gesunden Beinen einfach aufstehen und losjoggen kann.—’— Ich’ versichere euch, es ist wirklich nicht so schwer. Alles, was ihr tun müsst, ist, einen Fuß vor den anderen zu setzen, und ihr seid dabei.’

’Aber natürlich habe ich nicht immer so gedacht. Damals in 2016 gehörte ich zu den Faulpelzen, deren Workout darin bestand, das Weinglas zum Mund zu heben. Laufen war eine Horrorvorstellung für mich. Ich’ glaubte den Menschen nicht, die ich auf den Laufwegen sah, und die mir erzählten, dass sie sich durchs Laufen gut fühlen würden. Jedes Mal, wenn ich versuchte, zu laufen, fühlte ich mich schlecht. Es fühlte sich an, als würde ich in Flammen stehen und gleich eine Lunge hochhusten. In einer Bar oder in einem Restaurant zu sitzen, dabei fühlte ich mich gut … bis es plötzlich aufhörte.’

Seit meiner Kindheit leide ich an Depressionen. Eine besonders schlimme Phase im Jahr 2016 ließ mich so sehr verzweifeln, dass ich tatsächlich auf die Experten hörte, die sagten, dass Sport bei Depressionen helfe, weil es Endorphine freisetze. Ich zog mir eine hässliche Jogginghose, ein „Star Wars“-T-Shirt von meinem Ehemann und ein Paar ausgelatschte Converse an und ging in einen Park in unserer Nähe. Ich sah aus wie eine Patientin auf Freigang,’ aber es war mir egal. Ich war mitten in einem seelischen Zusammenbruch und hätte man mir gesagt, nackt Kopfstand machen hilft, hätte ich es getan,’ um mich besser zu fühlen.

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“Ich glaubte den’ Menschen nicht, die ich auf den Laufwegen sah, und die mir erzählten, dass sie sich durchs Laufen gut fühlen würden. Jedes Mal, wenn ich versuchte, zu laufen, fühlte ich mich schlecht.”

Laufen fiel mir nicht leicht. Am Anfang war es mehr ein Schlurfen. Achtzigjährige haben mich überholt. Ich wartete nur darauf, ausgelacht zu werden, aber niemand lachte. Die anderen Jogger lächelten und winkten mir zu, das Gemeinschaftsgefühl beim Laufen war ihnen wichtiger als die Größe meines Bauchs oder Schenkel oder meine Geschwindigkeit. Ich entdeckte das große Geheimnis dieser so simplen Sportart, das, was mir niemand erzählt hatte: Selbst wenn man keine Lust auf Laufen hat,’ bereut man es nie im Nachhinein, laufen gegangen zu sein.

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Durch mein Engagement für mentale Gesundheit bekam ich einen Startplatz beim London Marathon 2017. (Ich habe ein Buch über meine mentale Gesundheit geschrieben und ich habe einen Podcast, in dem ich andere zu ihrer interviewe.) Trotz dessen, dass die Strecke von 42 km einschüchternd war, wusste ich doch, es konnte nicht schlimmer sein als die Tage, an denen mich die Depression so stark im Griff hatte,’ dass ich nicht mal das Bett verlassen konnte. Deshalb wusste ich, dass ich den Platz, den mir die Organisation Heads Together angeboten hat, annehmen musste. Ich musste meiner Krankheit zeigen, dass ich stärker war als sie. Das Training für den Marathon gehört zu den besten Erfahrungen meines Lebens. Jedes Wochenende tat ich etwas, das ich mir nie zugetraut hätte’: Ich lief fünf Kilometer, dann sechs, dann acht und so weiter, bis ich mit Tränen in den Augen die Ziellinie in London überschritten habe. Ich hatte es geschafft. Ich lief den gesamten Marathon ohne auch nur einmal in Gehen zu verfallen.

 

’Jedes Wochenende tat ich etwas, das ich mir nie zugetraut hätte: Ich lief fünf Kilometer, dann sechs, dann acht und so weiter, bis ich die Ziellinie überschritten habe.

 

Einen Monat später lernte ich bei einem Yoga-Event von lululemon das Model Jada Sezer kennen. Jada ist kurvig, so wie ich. Sie ist nie gelaufen und als sie meine Geschichte hörte, fragte sie, ob ich ihr helfen könnte, für einen Marathon zu trainieren. Ihre Begeisterung war so ansteckend, dass ich zugesagt habe. Nach ein paar Monaten beschlossen wir, ihn in Unterwäsche zu laufen – etwas, dass sich mitten im frostigen Februar absolut verrückt anfühlte. Weniger dann allerdings am Tag des Rennens, dem heißesten London Marathon seit Beginn der Aufzeichnungen.

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Die Erfahrung war ganz genauso berauschend als mein erster Marathon. Die Unterstützung,’ die wir von den Zuschauern und anderen Läufern bekommen haben, war unglaublich. Die Hitze war manchmal absolut mörderisch, doch der Zuspruch und der Jubel trieben uns weiter an. Am 40. Kilometer liefen unsere Tränen in Strömen. Es war mit Abstand eine der härtesten und großartigsten Erfahrungen meines Lebens und obwohl ich mir selbst geschworen habe, nie wieder einen Marathon zu laufen, habe ich mich bereits für einen im Juni angemeldet. Marathons machen scheinbar süchtig.

Laufen macht mich nicht unbedingt zurechnungsfähiger,’—’— ich bin mir nicht sicher, ob es da irgendetwas gibt, das es kann, aber es gibt mir ein Gefühl der Kontrolle. Wenn ich’ laufe, zeige ich’ meinen Dämonen, wer hier’ das Sagen hat. Ich’ erinnere mich daran, dass die Welt sich weiter dreht und dass ich lebe. Wenn ich laufe, kann ich mir selbst ein positives Gefühl verschaffen wie es Essen oder Alkohol niemals könnten. Ich sorge selbst für meine Highs. Und das ist für mich wie ein Wunder.